Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
15.04.2019, 08:35

Aus dem Archiv: Wie Klub, Stadt und Familien um Gerechtigkeit kämpften

Eine Frage von Leben und Tod

An einem sonnigen Samstag im April 1989 starben bei der Stadion-Katastrophe in Sheffield 96 Fans des FC Liverpool. Das Desaster veränderte den Fußball. Wie Klub, Stadt und Familien um Gerechtigkeit kämpften: Ein Report, der 2014 im kicker erschien.

Erinnerung an die Opfer der Hillsborough-Katastrophe
Blumen und eine Tafel: In Liverpool wird an die 96 Todesopfer der Hillsborough-Katastrophe erinnert.
© Getty ImagesZoomansicht

Es ist drei Minuten nach drei, als Peter Beardsley die Latte des Tores von Nottingham Forest trifft und am anderen Ende unter dem Druck der Menschenmassen ein maroder Wellenbrecher umknickt. Ein Detail einer fürchterlichen und, wie man heute weiß, vermeidbaren Folge fataler Fehler. Dass ein leicht abschüssiger Tunnel geöffnet wurde, durch den die Fans des FC Liverpool in die beiden bereits überfüllten Käfige direkt hinter dem Tor von Bruce Grobbelaar geschleust werden, ist ein solcher. Ein Katalysator der größten Katastrophe in der britischen Sportgeschichte, die sich im Leppings Lane End von Hillsborough ereignet, wo Hunderte mit dem Tode ringen.

96 überleben das Gedränge, die Panik, nicht. Mehr als 700 entkommen verletzt. Traumatisierte Überlebende leiden bis heute. Wie die Hinterbliebenen, die seit einem Vierteljahrhundert um "Justice for the 96" kämpfen, um eine gründliche Aufarbeitung, vor allem aber: gegen falsche Beschuldigungen.

Ich habe keine Power, keine Courage. Ich bin nur eine Mutter, die ihren Sohn nicht aufgibt, und 95 andere auch nicht.Margaret Aspinall, Vorsitzende der Hillsborough Family Support Group

Liverpool wird Hillsborough nie mehr los. Es hat den Klub geprägt, die Stadt, auch den Fußball verändert, weit über ihre Grenzen am River Mersey hinaus. Und das Leben vieler Familien. Margaret Aspinall ist die Vorsitzende der Hillsborough Family Support Group (HFSG). In deren schlichtem Büro im Sport- und Gemeindezentrum von Anfield, unweit des Stadions, bündelt die 67-Jährige Trauer und Wut, aber auch Hoffnung, in Sätze wie diese: "Ich habe keine Power, keine Courage. Ich bin nur eine Mutter, die ihren Sohn nicht aufgibt, und 95 andere auch nicht."

Der Klub unterstützt die Angehörigen von Beginn an

Aus einem Nebenraum klingt Jubel, eine Kindergruppe feiert Geburtstag. Margaret Aspinalls Sohn James war 18, als er an jenem sonnigen Samstagmorgen des 15. April 1989 nach Sheffield aufbrach. Und nicht wieder nach Hause kam. Es war sein erstes Auswärtsspiel.

Sue Roberts' Bruder Graham kam dort 24-jährig um. Sie hat ihren besser bezahlten Job quittiert, arbeitet nun als Sekretärin und einzige Festangestellte für die Selbsthilfegruppe, die sich alleine aus Spenden finanziert. Margaret Aspinall und viele andere wirken ehrenamtlich, nicht alle Anwälte kostenlos. "Die Unterstützung durch den Klub war vom ersten Tag an und ist bis heute: großartig." Allen voran die damalige Mannschaft mit Trainer Kenny Dalglish, der sich in der Trauerarbeit aufopferte, "ein wunderbarer Mensch". Heute noch sagt der "King of Kop": "Die Familien werden für immer die Nummer-1-Supporter dieses Klubs bleiben."

Hillsborough-Stadion
Im Hillsborough-Stadion werden Fans aus dem Gedränge in den Oberrang und über die Zäune gezogen.
© imagoZoomansicht

Auf einem großen, massiven Tisch, er stand früher im Vorstandsraum des FC Liverpool, liegt ein Bilderrahmen mit einer weiteren Auszeichnung. "Ihre" Familien wie auch die Hillsborough Justice Campaign (HJC) sind von den Lesern des "Liverpool Echo" zu den größten Merseysidern aller Zeiten gewählt worden. Vor Trainer-Ikone Bill Shankly, vor den Beatles, vor Dalglish, vor Steven Gerrard.

Eine neue gerichtliche Aufarbeitung

Es bleibt keine Zeit, das Bild aufzuhängen. Zwei Wochen vor dem 25. Jahrestag hat die neue gerichtliche Untersuchung der Tragödie begonnen. Die Familien stellen sich erneut dem Martyrium detaillierter Erinnerungen und Zeugenausagen, sie wollen endlich die Wahrheit über den Hillsborough-Horror. Ist damit ein Ende in Sicht? Margaret Aspinall: "Wir hoffen, es ist der Anfang vom Ende." Steht am Ende ein Erfolg? "Das ist das falsche Wort. Die Familien werden immer Verlierer bleiben, weil wir unsere Liebsten verloren haben."

Gerrard, das aktuelle Idol der Reds, spendete im Januar 96.000 Pfund (117.000 Euro). Seine demonstrative Aktion war so gut getimt wie ein präziser Steilpass auf Luis Suarez. Die gemeinsame Sache verdiene wieder mehr Aufmerksamkeit. Gerrards Cousin war das jüngste Opfer hinter dem Zaun im Leppings Lane End. Jon-Paul Gilhooley starb mit 10, das älteste Opfer mit 67.

Die Zeitung "Sun" verbreitet Lügen über das Unglück

Den Impuls des Kapitäns hätte es nicht bedurft. In der Stadt hat sich eine beispiellose Erinnerungskultur aufgebaut, mit bisweilen obsessiven Zügen. Jetzt, da der Kampf um Gerechtigkeit handfeste Fortschritte gebracht hat, wird der Gedenkgottesdienst in Anfield als so überwältigend erwartet wie nie zuvor. Die bösen, schmerzenden Stimmen über die "Scouser", wie der Menschenschlag hier genannt wird, sind im Rest des Landes abgeklungen. Aber es gibt sie noch immer: "Diese Leute, sie bringen sich gegenseitig um." "Vorurteile sind nicht so leicht abzubauen, wenn sie sich erst einmal so tief eingebrannt haben", sagt Margaret Aspinall. Wie damals durch die Lügen der "Sun".

Umso empfindlicher reagiert Liverpool. Ein landesweit bekannter Komiker entschuldigte sich kürzlich nach einem Sturm der Entrüstung. Er hatte infrage gestellt, dass der Klub weiterhin an einem 15. April kein Spiel austragen will. Der Chefredakteur des Reading Chronicle musste vor wenigen Tagen seinen Hut nehmen, weil er im Motto einer Titelgeschichte Heysel, Hooliganismus und Hillsborough in einen Topf geworfen hatte. Zweitligist FC Reading kündigte die Zusammenarbeit mit dem Lokalblatt vorübergehend auf. Und der Stallmeister des Grand-National-Hindernisrennens in Aintree verkündete dem Echo stolz, für den Bodenbelag in den 160 Boxen werde gemahlenes Zeitungspapier verwendet, "ich nehme die Sun, darauf können die Pferde scheißen".

Es gibt einige Erklärungen dafür, warum sich Liverpudlians nicht so leicht Autoritäten unterwerfen.George Sephton, "The Voice of Anfield"

Margaret Aspinall und Sue Roberts hatten auch noch keine Zeit für einen Theaterbesuch. Im Royal Court Theatre wird "YNWA" gegeben, die "Offizielle Geschichte des FC Liverpool". Die Massenpanik von Heysel im Landesmeister-Finale 1985, für die Fans der Reds mitverantwortlich waren, zählt dazu; ihr fielen 39 Zuschauer zum Opfer. Triumphe und Tragödien. Die Vorankündigung verspricht, das Stück sei zum Lachen, Weinen, Singen. Die Menschen am Abend lachen, weinen, singen. Am Schluss bricht ihr Sprechchor aus: "Justice for the 96!" Das kleine Ensemble wird auf Tour gehen. Zunächst nach Dublin. Danach sind Norwegen, Indonesien, Australien, die USA vorgesehen. Liverpools Hafen war einmal ein Tor zur Welt, seit den Sechzigern ist es der Fußball.

Gedanken an die Opfer
"You'll never walk alone": Die Vereinshymne steht für auch für den Zusammenhalt beim FC Liverpool.
© picture allianceZoomansicht

Der schlagfertige Witz, das irische Blut, der taffe Charakter von Seefahrern - "ja, wir haben eine Mentalität", bestätigt George Sephton, "es gibt einige Erklärungen dafür, warum sich Liverpudlians nicht so leicht Autoritäten unterwerfen". Auch nicht im Klub. Als die Fan-Organisation "Spirit of Shankly" (SOS) die ersten amerikanischen Eigner, Gillett und Hicks, aus Anfield vertrieb, legte Sephton schon mal ein Wiegenlied auf. Sehr leise. Ziemlich schräg. Die Protestrufe ("Yanks out") aus dem Kop waren da in der Halbzeit besser zu hören. Der 67-Jährige ist Stadionsprecher seit 1971. Wenn er mit den LFC-Legenden in Skandinavien auf Tournee ist, muss er Autogramme schreiben wie die Stars. Er hat in 43 Jahren alle Manager und Spieler kommen und gehen sehen. Die "Voice of Anfield" weiß: "Du musst ihn schnallen", den Charakter des FC Liverpool. "Trainer Rafa Benitez kapierte alles. Er hatte Empathie für die Menschen hier, verstand, wie wir fühlen, wie diese Stadt ist." Torhüter Pepe Reina sei "ehrlich interessiert" gewesen, Stürmer Fernando Torres dagegen habe "es wohl nie verstanden. Er kam für Geld, er ging für Geld".

Hamann: "So richtig habe ich die Bedeutung erst in Liverpool mitbekommen"

Steven Gerrard berichtete jetzt, die Neuzugänge würden sich lesend über die Klub-Geschichte informieren - "oder ich erkläre es ihnen". Didi Hamann, ihren deutschen Champions-League-Helden von Istanbul 2005, schätzen sie hier sehr. Hamann berichtet: "Mir war natürlich bewusst, was in Hillsborough passiert ist, und dass dies im Verein eine Rolle spielt, als ich dorthin wechselte. Aber so richtig habe ich die Bedeutung dann erst in Liverpool mitbekommen. Sie ist enorm. So traurig alle sind, gerade jetzt, wenn es sich wieder jährt, so verbindet es die Stadt, egal ob Rot oder Blau."

Die Blues. Andy Burnham (44) ist einer von ihnen. Am 15. April 1989 fuhren die meisten seiner Freunde nach Hillsborough. Er folgte seinem FC Everton zum zweiten Halbfinale gegen Norwich in den Villa-Park nach Birmingham. Als sich dort die schrecklichen Nachrichten über Transistorradios herumsprechen, denkt Burnham sofort an sein Erlebnis in einem Viertrundenspiel in Sheffield: "In der zweiten Halbzeit hatte ich nur noch Angst um meinen Vater und den kleinen Bruder. Die Verhältnisse im Leppings Lane End waren besorgniserregend. Fans vieler englischer Klubs hatten dort schon gefährliche Situationen erlebt." Auch im Jahr zuvor, nach der identischen Halbfinalpaarung Liverpool - Nottingham Forest, hatte es viele Beschwerden gegeben. Ohne Folgen.

Burnham hat als Gesundheitsminister sowie als Labour-Abgeordneter wesentlich zu den neuen Untersuchungen beigetragen. "Wie konnte es geschehen, dass die englischen Fußball-Organisationen nur vier Jahre nach dem Tribünenbrand von Bradford (56 Tote, Anm. d. Red.) ein Semifinale in ein Stadion vergaben, für das es kein gültiges Sicherheitszertifikat gab? Diese Antwort wird kommen", erwartet Burnham.

Die 80er waren in Großbritannien ein Jahrzehnt der Spaltung, des Klasssenkampfes. Fußball-Fans wurden wie Bürger zweiter Klasse behandelt.Parlamentarier Andy Burnham

Den gesellschaftlichen Kontext ordnet der Parlamentarier und Fan so ein: "Die 80er waren in Großbritannien ein Jahrzehnt der Spaltung, des Klasssenkampfes. Fußball-Fans wurden wie Bürger zweiter Klasse behandelt, Stadionsicherheit vernachlässigt. Liverpools Stadtregierung galt als größter Widersacher Londons. In den Medien herrschte ein Anti-Liverpool-Klima. Hillsborough verkörpert all das." Und steht heute auch für eine einzigartige Solidarität unter Stadtrivalen. Es heißt ja nicht von ungefähr: Jeder hat seinen eigenen Kopf in Liverpool, aber sie halten zusammen. "Man weiß sich zu wehren, aber auch, wie man sich unterstützt", formuliert es "Evertonian" Burnham. "Wohl keine andere Stadt hätte im gemeinsamen Kampf einen solch langen Atem", meint auch Margaret Aspinall.

Sir Bobby Charlton bot Unterstützung an

Mit Manchester United liegen die Dinge anders. Stadionsprecher Sephton nennt die Konkurenz der Nachbarstädte "ein Jahrhunderte altes Stammes-Ritual". Der Dienstälteste in Liverpools rotem Verein: "Roy Hodgson, der heutige englische Nationaltrainer, hatte keine Ahnung von uns, sagte über Hillsborough, was man so sagen muss und hatte hier schon verloren, als er sich beim Amtsantritt auf Alex Ferguson bezog." Ausgerechnet Ferguson, den Über-Trainer von United. "This is Liverpool - die Leute hassen Ferguson."

Luftballon in der Anfield Road
Eine Luftballon erinnert in der Anfield Road an die 96 Todesopfer.
© picture allianceZoomansicht

Margaret Aspinall hingegen sagt: "Warum, das frage ich alle, soll man nur dann ein richtiger Reds-Fan sein, wenn man United hasst?" Sie erlebt im Old Trafford, wie "ihr" Team dort 3:0 siegt. Zum zweiten Mal ist sie auf Einladung von Sir Bobby Charlton da. Die United-Legende war einer der Ersten, die Zuspruch gaben und Hilfe anboten, damals, im April 89. Dort hatte man gleich verstanden. Seither mussten die Mutter Courage von der Merseyside und Englands Weltmeister aber auch abscheuliche Sprechchöre ertragen, mit denen Unverbesserliche beider Seiten die Toten verhöhnten. Die von Sheffield und die von München, wo 1958 Charltons Teamkameraden beim Flugzeugunglück der "Busby Babes" starben.

"Fußball ist keine Frage von Leben und Tod, es ist viel mehr als das", lautet, verkürzt, der meistzitierte Spruch des großen Shankly. Margaret Aspinall lächelt milde: "Jeder weiß doch, dass das nicht wörtlich zu nehmen ist. Es drückte nur die grenzenlose Leidenschaft der Menschen in Liverpool für den Fußball aus. Selbstverständlich ist Fußball keine Frage von Leben und Tod. Darf es nie sein."

Nach dem 25. Jahrestag wird es in den Untersuchungen jedoch wieder genau darum gehen: um die Frage nach Leben und Tod jedes Einzelnen der 96.

Jörg Jakob

 
Seite versenden
zum Thema

Vereinsdaten

Vereinsname:FC Liverpool
Gründungsdatum:15.03.1892
Vereinsfarben:Rot-Weiß
Anschrift:Liverpool Football Club
Anfield Road
Liverpool L4 0TH
Großbritannien
Telefon: 00 44 - 151 - 2 63 23 61
Telefax: 00 44 - 151 - 2 60 88 13
Internet:http://www.liverpoolfc.com

Hillsborough Park

Stadionkapazität: 39.859

DIE GANZE WELT DER KICKER APPS!
Informieren Sie sich über unser vielfältiges App Angebot:
Smart TV Tippspiel kicker MeinVerein Voice & VR eMagazine