Scheidender FCI-Trainer bemängelt zu wenige Ex-Profis im Fußball

Oral: "Für die Sache ist das ein Armutszeugnis"

Wünscht sich mehr Ex-Profis im Fußballgeschäft: Der scheidende Ingolstadt-Trainer Tomas Oral. imago images

Denn die liegt nicht beim FCI, für Klub wie Trainer war die gemeinsame Zeit - schon von November 2011 bis Mai 2013 arbeitete man zusammen - eine interimsmäßige. Diese gestaltete sich überwiegend erfolgreich, am Ende aber stand ein Fehlschlag. Oral hatte den FCI Anfang April als Tabellen-18. der 2. Liga übernommen, mit 16 Punkten aus sieben Partien überraschend in die Relegation geführt, aber dort nach einem 2:1 im Hinspiel und einem 2:3 im Rückspiel dennoch den Abstieg in die 3. Liga hinnehmen müssen. Noch immer enttäuscht, aber aufgeräumt und angriffslustig präsentierte er sich im familieneigenen Café in der urbanen Berger Straße in Frankfurt/Main zum Gespräch.

Herr Oral, fällt es Ihnen mit etwas Abstand leichter, das knappe Scheitern zu verdauen?
Ich habe dran zu knabbern, weil unsere Aufholjagd brutal war und in der Relegation ein paar heftige Dinge zusammenkamen: Das späte Gegentor in Wehen, die beiden Ausfälle Cohen und Kittel im Rückspiel, wo Wehen gerade in der ersten Hälfte eine sehr gute Partie gezeigt hat und wir mit dem Eigentor Nerven.

Diese 96. Minute im Hinspiel, als der 1:2-Anschluss für den SVWW fiel: Wehen war gefühlt K.o. - ahnten Sie da, dass es nochmal happig werden könnte?
Ohne da nachkarten zu wollen, aber wir hätten zwei Elfmeter kriegen müssen und ließen zwei Riesenkonter liegen. Diese 96. Minute mussten wir erstmal verarbeiten. Im Nachhinein hat Wehen mit dem Tor unglaublich Power mitgenommen und den Glauben an den Aufstieg verfestigt.

Eine Mannschaft, die diese Bezeichnung nicht verdient hatte

Hat es Sie überrascht, dass eine nominell starke Truppe wie der FCI so eine schlechte Saison spielte?
Es ging drunter und drüber, inklusive mir waren fünf Trainer am Werkeln, ein Sportdirektor und ein Geschäftsführer Sport. Alleine die Tatsache, dass viermal der Torwart gewechselt wurde - und das nicht verletzungsbedingt - spricht Bände. Mir steht kein Urteil zu meiner Vorzeit zu, aber ich fand eine Mannschaft vor, die diese Bezeichnung zu diesem Zeitpunkt nicht verdient hatte.

Stefan Kutschke sagte nach dem Hinspiel, dass Sie klare Ansprachen gemacht hätten und es auch mal geknallt hätte. Ist es nicht kontraproduktiv, Spielern wehzutun?
Der Zeitpunkt ist entscheidend. Wenn du nach einer langen Vorbereitung härter rangehen musst, dann ist immer die Frage, ob ein Spieler das verkraftet. Das muss ein Trainer einschätzen können. In unserer Situation mussten wir Dinge ansprechen, um den ganzen Haufen zu einem Selbstreinigungsprozess zu bekommen. Stefan ist ein Paradebeispiel.

Warum?
Er kam mit Vorschusslorbeeren, aber war immer ein Spieler, der von Willen und Leidenschaft gelebt hat. Wenn er das nicht mehr verkörpert, vielleicht auch, weil er die Wertschätzung nicht genießt, die er sich zum Beispiel in Dresden erarbeitet hat, kann das zu einem Bruch führen. Und das war bei gefühlt 70 Prozent der Mannschaft so. Wir, also auch meine Co-Trainer Michael Henke und Mark Fotheringham, haben der Mannschaft schnell den Glauben an sich wiedergegeben, hatten aber mit dem Spiel in Duisburg auch das nötige Quäntchen Glück. Dazu wollten wir Torgefahr auf den Platz bringen.

In der Relegation hatten Rüdiger Rehm (3.v.l.) und der SV Wehen Wiesbaden das bessere Ende für sich.

In der Relegation hatten Rüdiger Rehm (3.v.l.) und der SV Wehen Wiesbaden das bessere Ende für sich. imago images

Auch wenn es nicht ganz reichte: Mögen Sie das Retter-Image? Oder sehen Sie die Gefahr, in eine Schublade zu rutschen?
Viele übernehmen eine Aufgabe und sagen im Nachhinein: Es war nichts mehr zu machen. Wenn ich etwas angehe, dann nehme ich diese Verantwortung auf mich. Ich will es mir nicht zu einfach machen. Positiv ist für mich trotz des Abstiegs: Wir haben Verein und Umfeld wieder enger zusammenbekommen. Ingolstadt ist ein sehr junger Verein, der strukturell gut gewachsen ist zuletzt. Vielleicht ist so eine Situation für den FCI gerade wegen der schnellen Erfolge der letzten Jahre nicht unwichtig, um gefestigt zu sein. Es gibt nicht nur Sonnenschein im Fußball.

Aber sehen Sie nicht die Retter-Schubladen-Gefahr?
Ich habe kein Problem damit. Ich kann ja nicht sagen: Ach, ich gehe jetzt zu einem Verein mit den besten Spielern und wir gewinnen jede Woche. Es gibt Phasen in einer Saison, da ist im Paket Trainer alles gefragt. Ich habe die Überzeugung, Vereine wieder in die richtige Spur bringen zu können. Ich habe aber auch schon bewiesen, langfristig arbeiten und mitaufbauen zu können.

Persönliche Eitelkeiten in Frankfurt

Ist der Zweitliga-Abstieg mit dem FSV Frankfurt vor diesem Hintergrund besonders bitter gewesen?
Aus meiner Sicht hat der FSV das selbst zu verantworten. Als ich gehen musste, weil klar war, dass ich am Saisonende nach Karlsruhe wechseln werde, haben persönliche Eitelkeiten eine größere Rolle gespielt als sportliche Ziele. Wir hatten sieben Punkte vor dem späteren Relegationsteilnehmer Duisburg fünf Spieltage vor Schluss. Eine Leistungsdelle, wie wir sie hatten, kann bei einer jungen Mannschaft immer vorkommen. Viele Vereine verlieren dann die Nerven.

Woran liegt das?
An fehlender sportlicher Fachkompetenz in den Strukturen - das kann man durch die Bank weg sagen. Wir haben zu wenige Fußballer in verantwortlichen Positionen in Klubs. Wenn ich sehe, welche herausragenden Spieler wir in den letzten 20 Jahren in Deutschland hatten und wie wenige davon in Vereinen arbeiten, ist das eine Schande. Für die Sache Fußball ist das ein Armutszeugnis.

Sie kennen auch England aus Ihrer Zeit in Fulham. Hat Sie dieser starke Schritt der Premier League nach vorne überrascht?
Du musst nur in die Stadien gehen, der Support ist atemberaubend, da wird ganz selten die eigene Mannschaft ausgepfiffen. Aber das wird mir aktuell auch zu heiß gekocht, wenn man sieht, wie die beiden Champions-League-Finalisten das Endspiel erreicht haben. Die waren nach den Halbfinal-Hinspielen nur noch Außenseiter. Vielleicht haben sie es ja auch gepackt, weil die anderen einen Tick nachlässiger waren.

England ist nicht meilenweit voraus. Aber wir arbeiten schlechter.

Tomas Oral über die aktuelle Stärke der Premier League

Das heißt?
England ist nicht meilenweit voraus. Aber wir arbeiten schlechter. Wir müssen mehr auf den Trainingsplatz und weniger am Schreibtisch fachsimpeln. Die Basics sind entscheidend. Nach 2000 haben wir extrem aufgeholt, da kamen die Italiener, Spanier, Engländer und holten das Beste zu sich. Wir sind bequem geworden, zudem verbrennen wir junge Trainer total schnell.

Weil keine Geduld mehr da ist?
Weil alles zu schnell geht. Wenn ich mit 30 einen Topklub trainiere, eine Delle habe und dann rausfliege, wo soll ich denn dann wieder anfangen? Wenn ich Tedesco nehme: Der war schon bei einem der besten Klubs in Deutschland. Wo soll er denn den nächsten Schritt machen?

Bereitet sich für eine mögliche nächste Trainer-Station vor: Der 46-jährige Oral.

Bereitet sich für eine mögliche nächste Trainer-Station vor: Der 46-jährige Oral. imago images

Andererseits hat er es ja sehr schnell geschafft: Von Erzgebirge Aue zu Schalke, das ist ja ein Riesensprung.
Das hätte es vor 15, 20 Jahren nicht gegeben. Die Leistung, um so einen Klub trainieren zu dürfen, war vorher nicht gegeben. Man sieht es ja im Nachhinein: Wenn dann die Delle kommt, fehlt die Erfahrung.

Der Fall Nagelsmann und der Henke-Coup

Wie könnte man solche Situationen vermeiden?
Indem man diese Personalien einfach vorsichtiger angeht. Nicht jeder junge Trainer ist ein Nagelsmann. Ich kann nur sagen: Jedem jungen Trainer tut ein erfahrener Co-Trainer gut.

Sie spielen auf Michael Henke an...
Ich war eine treibende Kraft, ihn nach Ingolstadt zu holen. Wenn man auf einer Wellenlänge liegt, gibt es nichts Besseres, wenn man jung ist, einen fachlichen Topmann an seiner Seite zu wissen, wenn er loyal ist.

Wie geht es mit Ihnen weiter?
Ich schaue, dass ich viel unterwegs bin, um das ein oder andere mitzunehmen, mich auszutauschen. Und ich bereite mich so vor, dass ich parat stehe, wenn es irgendwo brennt.

Interview: Benjamin Hofmann