WM-Kolumne von Steffi Jones

Der Teamgeist stimmt - aber mir fehlt noch der Mut nach vorne

Steffi Jones

Steffi Jones imago images/kicker

Die deutsche Mannschaft hat auch gegen Spanien durch ihren Willen und ihre Einsatzfreude überzeugt, bis zum Ende gekämpft. Der Gegner war wie erwartet spielerisch sehr stark und hat Deutschland phasenweise die Grenzen aufgezeigt. Man kann durchaus von Glück sprechen, dass Spanien nicht so zielstrebig und effizient war.

Es hat mich gefreut, dass die Bundestrainerin diesmal auf ein 4-4-2 gesetzt hat, das macht es in der Umschaltphase doch einfacher. Allerdings hat sich die Mannschaft im Spielaufbau schwer getan, hohes Tempo war nur situativ sichtbar. Dazu gehört sicherlich Mut und das Vertrauen, dass riskanteres und schnelleres Spiel funktionieren kann. Nur so lässt sich die Erkenntnis gewinnen: Ich kann es doch!

So wie Däbritz und die Jungen!

Kampf und Wille allein werden in der K.-o.-Phase vielleicht nicht mehr reichen, da darf sich keine mehr verstecken. Die Mannschaft kann ganz tollen Fußball spielen, derzeit wirkt es aber noch oft abwartend. Wir reagieren häufig und zwingen dem Gegner unser Spiel noch nicht auf.

Herausheben muss ich neben Sara Däbritz wieder die drei Jüngsten Klara Bühl, Giulia Gwinn und Lena Oberdorf. Sie kommen rein und es fällt nicht auf, dass sie neu dabei sind. Sie wollen sich einbringen und haben starke Szenen, sind unbekümmert und zeigen, wie zum Beispiel Gwinn, Zug zum Tor. Das fehlt mir bislang bei einigen Spielerinnen mit mehr Erfahrung, die oft die Sicherheitsvariante wählen. Svenja Huth zum Beispiel ist ja sehr schnell, sie bricht aber zu oft ab oder nimmt Tempo raus. Alex Popp macht mir vorne noch zu wenig, muss aber auch von hinten mehr Bälle bekommen. Da fehlt Dzsenifer Marozsan schon sehr, gerade gegen Mannschaften, die die Räume eng machen.

Ich muss auch einmal eine ausspielen

Dennoch: Wir haben nicht so viele Baustellen. Der Teamgeist ist großartig, nun müssen noch die individuellen Stärken mehr zur Geltung kommen. Ich muss auch einmal eine ausspielen, um Überzahl zu bekommen. Oder auch mal einen scharfen Risiko-Pass in die Tiefe spielen, auch wenn da nur ein schmales Fenster ist. Das Spiel mutig lesen, weniger leicht auszurechnen sein.

Das Spiel gegen Südafrika wird eine gute Gelegenheit sein, um etwas dafür zu tun. Das ist ein Gegner, der zwar über zwei, drei schnelle Spielerinnen verfügt, der aber gut bespielt werden kann. Popp und Huth würde ein Erfolgserlebnis mit Blick auf die K.-o.-Spiele beispielsweise guttun.

Ich würde in diesem Spiel schon die Formation bringen, die auch im Achtelfinale auflaufen soll und erwarte keine großen Veränderungen. Gerade in der Abwehr bin ich eine Freundin von "Sich-einspielen-lassen". In der zweiten Hälfte kann Martina Voss-Tecklenburg ja immer noch wechseln und Dinge ausprobieren. Dann könnten Popp und Huth etwas Schonung bekommen, vielleicht bekommt auch Lea Schüller vorne ihre Chance, die bislang noch keine Rolle gespielt hat. Denn sie ist schnell und sucht das Eins-gegen-eins.

Der Powerfußball der Amerikanerinnen

Am besten gefallen mir bei diesem Turnier neben den Französinnen vor allem Australien, England und Kanada. Die spielen offensiv, denken nach vorne. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen. Brasilien fühlte sich gegen Australien nach dem 2:0-Vorsprung schon als Sieger, doch der Gegner ging den langen Bällen mit fünf, sechs Spielerinnen nach und war dann gleich immer direkt vor dem Tor. Die US-Amerikanerinnen will ich nicht vergessen. Sie spielen den Power-Fußball, den wir so erwartet haben.

Steffi Jones (46) war zwischen 1993 und 2007 Nationalspielerin (111 Einsätze), nach ihrer Karriere Präsidentin des Organisationskomitees bei der WM 2011 in Deutschland und zwischen 2016 und 2018 Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft. Seit Mai arbeitet die gebürtige Frankfurterin für ein Gelsenkirchener IT-Unternehmen. Sie ist zudem Co-Trainerin der Frauen-Mannschaft des SSV Buer und schaffte jüngst mit fünf Siegen in den letzten sechs Spielen den Klassenerhalt in der Landesliga.

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