"All-in" für ein oder zwei Jahre

Vorbild Toronto: Beginnt ein Umdenken in der NBA?

Kawhi Leonard

Der Finals-MVP: Bleibt Kawhi Leonard in Toronto? Getty Images

Er ist weder ein Mann der großen Worte, noch einer, der das Rampenlicht sucht. Und doch ist Kawhi Leonard - zum zweiten Mal in seiner Karriere Finals MVP (2014 bei den Spurs) - der Superstar der Stunde. Und vielleicht sogar Teil einer kleinen Revolution. Der Mann mit der Rückennummer 2 hat Toronto zwar nicht im Alleingang zur Meisterschaft geführt, war aber sehr wohl der absolute X-Faktor. Mit ihm kam also auch der Titel nach Toronto - obwohl das Projekt Leonard genauso hätte fehlschlagen können.

Leonard 2018 - eine Charakterfrage

"The Claw" kam 2018 aus San Antonio, nach einer Saison, die er verletzungsbedingt komplett verpasst hatte. Sein Charakter war in Frage gestellt worden, ebenso seine Einsatzbereitschaft im Trikot des kanadischen Franchise, das er schon nach einem Jahr wieder hätte verlassen dürfen - und immer noch darf. Ihm wird nachgesagt, sich unbedingt einem Team aus seiner Heimatstadt Los Angeles anschließen zu wollen. Auch jetzt noch. Denn seine Mission bei den Raptors hat der Small Forward erfüllt, der Titel hat erstmals seinen Weg nach Toronto gefunden.

Ein Titel, der die NBA-Landschaft in den nächsten Jahren prägen und verändern könnte. Denn der Triumph von Leonard und den Raptors dient als Vorlage dafür, dass Erfolg nicht immer mittel- bis langfristig geplant werden muss. Dass man auch mal alles auf eine Karte, auf eine Saison setzen - und damit erfolgreich sein kann.

Identifikationsfigur DeMar DeRozan war vergangenen Sommer für "Wundertüte" Leonard getradet, Dwane Casey, kurz nachdem er zum Trainer des Jahres gewählt wurde, vor die Tür gesetzt worden. Leonard nahm sich seines neuen Arbeitgebers und der gemeinsamen Sache an, Casey-Nachfolger Nick Nurse erwies sich als Glücksgriff. General Manager Masai Ujiri hatte nach Jahren des frühen Play-off-Scheiterns eine Menge riskiert, den lautstarken Unmut der Fans auf sich gezogen - am Ende aber mit allem Recht.

Die attraktivste Alternative

Freilich hätte es schiefgehen können. Leonard hätte das eine Jahr in Toronto nur absitzen, parallel die Teamatmosphäre vergiften können, zumal er während der Regular Season kaum mal zwei Spiele am Stück absolvierte. Bis zu den schwerwiegenden Verletzungen der Warriors hatten die Raptors 2019 auch eine ganze Menge Glück. Das Glück des Tüchtigen, wenn man so will. So tüchtig wie die Kanadier werden angesichts ihres Triumphes nun vielleicht auch andere Teams sein wollen. Teams, die irgendwo zwischen den Stühlen Umbruch und Play-off-Potenzial stehen, aber Cap Space für einen elitären Free Agent hätten; die wissen, dass sie diesen und die große Chance nur für ein oder zwei Jahre erhalten würden - aber lieber "All in" gehen, als sich für Tanking, einen radikalen Tapetenwechsel oder vorübergehende sportliche Bedeutungslosigkeit entscheiden.

Es würde Franchises geben, die mit dieser risikobehafteten Methode scheitern. Aber womöglich auch die, bei denen der Plan mit dem nötigen Glück aufginge. Wie in Toronto. Das aktuell ganz oben, gleichwohl aber auch vor einer ungewissen Zukunft steht. Weil der werdende Free Agent Leonard den Raptors diesen Sommer immer noch den Rücken kehren könnte, weil mit Ausnahme Pascal Siakams einige alternde Spieler und deren unattraktive Verträge den Kader belasten.

GM Ujiri vor dem Absprung

General Manager Masai Ujiri

Wurde für seinen Mut belohnt: General Manager Masai Ujiri. Getty Images

Würde Leonard gehen, könnte sich auch "Architekt" Ujiri aus Kanada verabschieden und ein lukratives Angebot der kriselnden Washington Wizards annehmen. So würde der Titelverteidiger - nur wenige Wochen nach dem größten Moment der eigenen Historie - erneut vor einem Umbruch stehen. Denn selbst wenn der Erfolgsfall eintritt: Dieses Prinzip, das in naher Zukunft für einige NBA-Franchises sehr interessant werden könnte, ist nicht auf mehrere Jahre ausgelegt.

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Schmerzen, Emotionen und der verdiente MVP