Tottenham: Lloris kann Beckenbauer nacheifern

Pochettino und der Bauch der Wahrheit

Hugo Lloris und Mauricio Pochettino (re.)

Torhüter und Trainer: Hugo Lloris und Mauricio Pochettino (re.). imago images

Aus Madrid berichtet Thomas Böker

Dass mit dem FC Liverpool genau das ein großes Team verhindern will, ist dem Torhüter bewusst. Doch "ich will nicht über den Gegner sprechen", meinte er in Madrid, und überhaupt könne man ein Premier-League-Match nicht mit einem Champions-League-Finale vergleichen, sagte er mit Blick auf die beiden 1:2-Niederlagen seiner Spurs gegen die Reds in der Meisterschaft.

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Lloris verkörperte viel Zuversicht, ebenso sein Trainer Mauricio Pochettino, der die wichtigste Frage des Abends charmant weglächelte. Nein, er habe noch nicht entschieden, wer spiele, und ja, das gelte dann auch für Harry Kane. Ob das stimmt, weiß nur er, aber warum sollte der sympathisch auftretende Argentinier lügen? Fest steht nur: Vom anschließenden Abschlusstraining im Estadio Wanda Metropolitano kann er es nicht abhängig gemacht haben, denn allzu intensiv verfolgte der Chefcoach das Treiben der Seinen nicht.

"Wie Kinder mit acht, neun Jahren"

Und doch kann man sicher sein, dass ihm nichts Wesentliches von den Dehnübungen, der Passstaffel mit und ohne Direktspiel, dem Rondo, der Pressing/Gegenpressing-Übung und dem Abschlussspielchen entgangen ist. Auffällig aber vor allem eines: Sie alle lachten viel, gemeinsam, alleine, waren locker und versuchten, die große Anspannung, die sich im Laufe des Samstags zwangsläufig einstellen wird, noch nicht an sich heranzulassen.

Geht es nach "MoPo", wie der einstige Bielsa-Schüler auf der Insel genannt wird, ist genau das der Schlüssel für ein erfolgreiches Match: "Am besten ist es, wenn die Jungs mit viel Freude spielen, wie Kinder mit acht, neun Jahren." Unbekümmert also, nicht so viel nachdenkend, dass da Milliarden Zuschauer jeden Schritt beobachten.

Die Spurs und Charlie Brown

Leichter gesagt als getan. Denn die Spurs sind eben die Spurs. Nicht gerade vom Erfolg geküsst oder verwöhnt. Zum Teil liegt das auch daran, das gehört irgendwie zu ihrer Vereinsidentität, dass sie sich selbst nicht immer allzu viel zutrauen. Nicht umsonst kursiert in Spurs-Fankreisen ein berühmter Peanuts-Cartoon: Warum Charlie Brown denn nicht zeigen würde, wenn er glücklich sei, wird er gefragt. Seine Antwort: "Weil, wann immer man zu glücklich wird, passiert was Schlechtes."

Eine Logik, der man nicht folgen muss, und die auch nicht gesund ist, die aber eben zu Tottenham passt, das sich, gerade im Dauerclinch mit Arsenal, gerne mal als armer Underdog sah, wenngleich sich diese Machtverhältnisse im Norden Londons gedreht haben. Auch dank Pochettino, der den Spurs genau den Mut versucht hat einzuimpfen, der ihnen allzu oft fehlte, sodass sie auch in der internationalen Wahrnehmung oft zu Unrecht unterm Radar fliegen.

Es bedarf eines großen Triumphes, wie er nun in Madrid möglich ist, um das zu ändern. Die Offensivwucht dazu haben die Spurs, denn nur einmal blieben sie in den vergangenen 22 Spielen der Königsklasse ohne eigenes Tor, im Hinspiel des Halbfinals gegen Ajax, ebenso haben sie einen charismatischen Trainer, gleichermaßen schlau. Auf der Pressekonferenz wurde gemutmaßt, er habe abgenommen, was er mit einer hochgezogenen Augenbraue lachend quittierte, aufstand und sich wie ein Model inszenierte und dabei den Bauch nicht mal einziehen musste.

Wie soll man Mané und Salah stoppen?

Dieser Bauch wird eine wichtige Rolle spielen, wenn er entscheidet, ob Harry Kane von Beginn an spielen wird oder als Joker. Und Pochettinos psychologische Fähigkeiten sind gefragt, wenn er seine Außenverteidiger, Kieran Trippier und Danny Rose, stark reden muss. Denn noch fehlt dem ständigen Beobachter der Premier League die Fantasie, daran zu glauben, wie diese beiden Sadio Mané und Mo Salah stoppen sollen.

Doch sie werden es müssen, wenn Tottenham als 14. Klub die Champions League gewinnen soll. Und als fünfter englischer Klub. Und überhaupt. Um Geschichte zu schreiben. Besonders Lloris.

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