Italienischer Weltmeister wird 40 Jahre alt

Andrea Pirlo: Wein, Mode, Eleganz - und vor Rückkehr?

Andrea Pirlo

Abstand vom Fußballplatz gewonnen - und mit 40 Trainer zurück als Trainer? Andrea Pirlo. imago images

Ende 2017 hatte mit Andrea Pirlo ein weiterer Ausnahmekönner Italiens seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Der Maestro war während seiner aktiven Zeit Teil der goldenen Generation um Fabio Cannavaro, Alessandro Nesta, Francesco Totti, Daniele de Rossi, Gennaro Gattuso, Luca Toni oder Alessandro del Piero. Von den Weltmeistern von 2006 sind inzwischen nur noch Torwart Gianluigi Buffon (Paris), Andrea Barzagli (Juve, hört im Sommer auf) und eben de Rossi, der nach seinem überraschenden Aus bei der Roma noch etwas weiterspielen will, übrig.

Für Pirlo, der nun seinen 40. Geburtstag feiert und bei öffentlichen Auftritten gerne im modischen Zwirn sowie auch mal mit Cap oder Hut auftaucht, war nach dem Karriereende erst einmal Abstand vom Profifußball angesagt. Der Regisseur, bekannt für seine feine Art am Ball, seine eleganten Freistöße, seine Liebe zum Weinanbau und seine wallende Mähne auf dem Spielfeld, zog sich zurück. Wohin? Natürlich in seine Heimat, in die norditalienische Gemeinde Flero. Dort im Örtchen Coler in der Provinz Brescia in der Lombardei hatte der "Genießer" im Jahr 2007 mit Hilfe seiner Familie bereits ein kleines Gut beim Geburtshaus eröffnet.

Spielersteckbrief Pirlo

Pirlo Andrea

Zu schmächtig? Inter erkennt die Möglichkeiten nicht

Brescia - genau dort, wo Pirlos ruhmreicher Weg einst begonnen hatte. Über die Station Brescia Calcio, wo der junge Pirlo zu Beginn seiner Profilaufbahn zwischen den beiden höchsten italienischen Ligen "pendelte", folgte 1998 der Sprung zu Inter Mailand. Bei den Nerazzurri schaffte der Feingeist aber nie den Durchbruch, wurde aufgrund seiner 1,77 Meter Körpergröße und seines überschaubaren Gewichts von unter 70 Kilogramm schnell als zu schmächtig abgestempelt. Leihen zu Reggina Calcio sowie Brescia waren die Folge, ehe ausgerechnet Inter-Rivale Milan zuschlug - und den U-21-Europameister von 2000 an Land zog.

Bei den Rossoneri ging Pirlos Stern auf, Trainer Carlo Ancelotti erkannte mit der Zeit, den Schützling als Ballverteiler vor der Abwehr einzusetzen. Ein genialer Schachzug, denn von dort an (2002) avancierte Pirlo trotz prominenter Konkurrenz im AC-Kader (Rui Costa, Serginho, Clarence Seedorf, Gattuso) zum Gehirn der Mailänder Mannschaft. Ein regelrechter Titelregen folgte: Der Maestro gewann 2003 und 2007 mit den Lombarden die Champions League, außerdem mit Milan (119 Serie-A-Spiele, 17 Tore) und später mit Juventus Turin (207 Serie-A-Partien, 15 Treffer) insgesamt sechsmal die Meisterschaft sowie 2003 (AC) und 2015 (Juve) die Coppa Italia.

"Ich handelte aus dem Instinkt heraus. Mir fiel ein Spielzug ein, ein Pass, ein Tor - und da hatte ich es auch schon gemacht. Von Anfang an hieß es, ich sei zu müde, würde es nicht schaffen. In Wirklichkeit aber verstanden sie meine Art, mich zu bewegen, nicht", sagte Pirlo einst über sich selbst.

Andrea Pirlo

Weltmeister 2006: Andrea Pirlo. imago images

In der Nationalmannschaft hinterließ Pirlo außerdem nicht nur bei der erfolgreichen WM 2006 seine Spuren, er erreichte als Führungsspieler der Azzurrini 2004 in Athen die Bronzemedaille, wurde 2000 U-21-Europameister und erreichte bei der EM 2012 das Finale (0:4 gegen Spanien).

Groß in Erinnerung bleibt aber der WM-Triumph, als der Schnittstellen-Magier im berühmten Halbfinale Gastgeber Deutschland mit aus dem Wettbewerb kegelte und schließlich im Finale gegen Frankreich beim 5:3 im Elfmeterschießen selbst einen Schuss vom Punkt verwandelte. Im Nachgang hatte Pirlo einmal über das Endspiel gesagt: "Ich reagiere nicht auf Druck. Am Nachmittag des 9. Juli 2006 in Berlin habe ich geschlafen und dann Playstation gespielt. Abends habe ich die Weltmeisterschaft gewonnen."

Der Einstieg ins Trainergeschäft steht bevor

Nun, mit 40 Jahren, könnte Pirlo dem Vernehmen nach zurück zum Fußball kommen. Laut "Tuttosport" und anderen italienischen Medien verhandelt der Maestro aktuell mit seinem Ex-Klub Juventus Turin über einen Einstieg ins Trainergeschäft. Er könnte die hauseigene U 23 übernehmen, die aktuell in der dritten Liga (Serie C) zugegen ist. Allein schon in Sachen Freistoßausführung wäre er für die jungen Spieler sicherlich eine willkommene Hilfestellung - ganz zu schweigen von seinem enormen Erfahrungsschatz, den er den Talenten nahebringen und weitergeben könnte.

Wenn ich in Standardsituationen gegen den Ball trete, mache ich das im Pirlo-Stil. Jeder Schuss trägt meinen Namen und sie sind alle meine Kinder.

Andrea Pirlo

Warum Pirlo bei Standards eigentlich so gut war? Das verrät der Weltmeister von 2006 in seiner Biographie "Ich denke, also spiele ich". Der Wortlaut dort: "Ich bin Italiener, gewissermaßen aber auch Brasilianer. Pirlinho, wenn man so will. Wenn ich in Standardsituationen gegen den Ball trete, mache ich das im Pirlo-Stil. Jeder Schuss trägt meinen Namen und sie sind alle meine Kinder. Jeder sieht aus wie der andere, Zwillinge sind es aber nicht, auch wenn sie alle dieselben südamerikanischen Wurzeln haben. Genauer gesagt ist ihnen dieselbe Inspirationsquelle gemein: Antonio Augusto Ribeiro Reis Junior, ein Mittelfeldspieler, der unter dem Namen Juninho Pernambucano bekannt wurde. Dieser Mann stellte während seiner Zeit in Lyon außergewöhnliche Dinge mit dem Ball an. Er legte ihn auf den Boden, ließ ihn merkwürdig in der Luft zirkulieren und schließlich im Netz zappeln. Dabei versagte er nie. Wirklich nie. Ich habe mir seine Statistiken angeschaut und bemerkt, dass das nicht nur Glück sein kann." Also studierte er den brasilianischen Kunstschützen Juninho - der Rest ist Geschichte.

mag

Grazie Maestro: Weltmeister und Trophäensammler Andrea Pirlo