Rechtsexperte: Marokkos Protest wäre chancenlos gewesen

Spaniens 2:2: Schiedsrichterfehler bleibt ohne Folgen

Verwirrung in der Schlussphase um eine Ecke und ein Videobeweis-Tor der Spanier.

Verwirrung in der Schlussphase um eine Ecke und ein Videobeweis-Tor der Spanier. imago

Zudem würde selbst ein Sieg im Wiederholungsspiel für Marokko nicht zum Einzug ins Achtelfinale führen. Schiedsrichter Ravshan Irmatov aus Usbekistan hatte im letzten Vorrundenspiel darüber hinweggesehen, dass die Ecke vor dem 2:2 von der falschen Seite ausgeführt wurde.

Nutznießer einer Niederlagen Spaniens wäre vor allem Portugal gewesen, das dann als Gruppensieger weitergekommen wäre und es im Achtelfinale statt mit Uruguay mit Gastgeber Russland zu tun bekommen hätte. Bei einer deutlichen Niederlage von Spanien in einem Wiederholungsspiel hätte zudem der Iran profitieren können, der dann an Stelle der Iberer den Sprung in die K.-o.-Runde gelangt wäre.

Protestieren dürfen aber immer nur die beiden am Spiel beteiligten Nationen. "Wenn ein Fehler passiert, betrifft es reflexartig immer andere Mannschaften. Es würde völlig ausarten, wenn ein nicht beteiligtes Team Protest einlegen könnte", sagt Dr. Rain, Partner in der Ludwigsburger Kanzlei Schickhardt Rechtsanwälte. Außerdem hätte Marokko spätestens zwei Stunden nach dem Spiel reagieren müssen, denn dann läuft die letzte FIFA-Frist ab.

Dr. Rain ist allerdings skeptisch, ob die Faktenlage überhaupt ausreichend gewesen wäre, um ein Wiederholungsspiel zu erreichen: "Dazu muss sich der Fehler auch kausal im Spielergebnis niederschlagen, wie bei einem unberechtigten Elfmeter. Aber ein Eckball von rechts bringt ja keine größere Torchance als ein Eckball von links. Auch wenn Marokko vielleicht etwas unsortiert war, weil die Ecke plötzlich von der anderen Seite aus geschossen wurde." Eine Einschätzung, die man nicht teilen muss.

Eine ganz spezielle Dramaturgie

Darüber hinaus wies diese spezielle Szene eine ungewöhnliche Dramaturgie auf, an deren Ende doch der Referee und das dazugehörige VAR-Team falsch lag.

Der von den Marokkanern zur Ecke abgewehrte Ball flog aus Sicht der angreifenden Spanier links über das Tor, Schiedsrichter Ravshan Irmatov aus Usbekistan zeigte mit seinem deutlich ausgestreckten linken Arm eine Ecke von der linken Seite an. Als der Eckball dann schnell von der gegenüberliegenden Seite ausgeführt wurde und Carvajal für seine Tor-vorbereitende Flanke unbehelligt in den Strafraum eindringen konnte, zeigten sich nicht nur die Marokkaner - ein Profi winkte vehement mit den Armen und monierte die Ausführung von der falschen Seite - unsortiert.

Auch der Unparteiische war für einen Moment desorientiert, da er den Eckstoß von links erwartet hatte. Erst kurz bevor Iago Aspas den Ball mit der Hacke ins Tor beförderte, war der Schiedsrichter wieder „voll im Geschehen drin“. Der Schiedsrichter pfiff Abseits gegen Aspas, die marokkanischen Spieler schwärmten aus, um den bevorstehenden Freistoß in Empfang zu nehmen. Stattdessen griff der Videoschiedsrichter ein und kassierte den Abseitspfiff.

Zu diesem Zeitpunkt spielte die von der falschen Seite ausgeführte Ecke längst keine Rolle mehr. Und doch hätte sie für den Videoschiedsrichter im Zentrum seiner Analyse des Tores stehen müssen. Kein Abseits, aber auch kein Tor zum 2:2, sondern Wiederholung der Ecke von der linken Seite. Das hätte die Verwirrung möglicherweise auf die Spitze getrieben, richtig und regelkonform wäre es dennoch gewesen.

Michael Ebert/bst

Bilder zur Partie Spanien - Marokko