Neymar, Alisson & Co. gehen als einer der Favoriten ins Turnier

Phoenix Brasilien: Die Rückkehr zu "Joga Bonito"

"Joga Bonito" mit Ronaldinho

Teil der "Joga Bonito"-Bewegung: Weltmeister und fußballerischer Alleskönner Ronaldinho. Getty Images

Die letzte goldene Generation

In den Anfängen der 2000er Jahre startete der US-Sportartikelhersteller "Nike" mit seiner Kampagne "Joga Bonito" eine Fußball-Offensive, die die Schönheit der Sportart zeigen und Kinder weltweit begeistern wie motivieren sollte. In Werbespots zum Thema "The Beautiful Game" zeigten dabei weltweite Stars unter der imaginären Regie von ManUnited-Allstar Eric Cantona ihr Können in Stahlkäfig-Turnieren beim "Drei gegen Drei" oder im Spielertunnel, sie vollführten wahnwitzige Tricks in der Kabine und zauberten dem Zuschauer das Staunen ins Gesicht.

Spielersteckbrief Marcelo

Vieira da Silva Junior Marcelo

Spielersteckbrief Willian

Borges da Silva Willian

Spielersteckbrief Douglas Costa

de Souza Douglas Costa

Spielersteckbrief Neymar

da Silva Santos Junior Neymar

Spielersteckbrief Coutinho

Coutinho Philippe

Spielersteckbrief Roberto Firmino

Barbosa de Oliveira Roberto Firmino

Spielersteckbrief Alisson

Ramses Becker Alisson

Spielersteckbrief Gabriel Jesus

de Jesus Gabriel Fernando

Trainersteckbrief Bacchi

Bacchi Adenor Leonardo

Weltmeisterschaft - Vorrunde, 1. Spieltag
Weltmeisterschaft - Tabelle - Gruppe E
Pl. Verein Punkte
1
Serbien
3
2
Brasilien
1
Schweiz
1
Brasilien - Die letzten Spiele
Nigeria (H)
1
:
1
Senegal (H)
1
:
1

Aus brasilianischer Sicht waren dabei die prägenden Figuren natürlich Alleskönner wie Ronaldinho, Ronaldo, Roberto Carlos - alles Weltmeister von 2002 (2:0 im Finale gegen Deutschland). Dies war zugleich der fünfte WM-Titel für die Seleçao nach den Jahren 1958, 1962, 1970 und 1994.

Der "Schock von Mineirão"

Und der bislang letzte für die erfolgreichste Fußballnation der Welt. Seither nämlich durchstreift Brasilien eher mäßig erfolgreich die Welt: Neben immerhin zwei Siegen in der Copa America (2004, 2007) sowie drei Triumphen beim Confed Cup (2005, 2009, 2013) reichte es für die Seleçao bei den Endturnieren nur noch zweimal fürs Viertelfinale - 2006 in Deutschland beim 0:1 gegen Zidanes Frankreich und 2010 in Südafrika beim 1:2 gegen die Niederlande.

Tragisch dann das Erscheinungsbild bei der Heim-WM 2014, als der Druck eines gesamten Volkes auf der nicht mehr bestens besetzten Nationalelf lag: Mehr schlecht als recht schlängelte sich Brasilien durchs Turnier (3:2 n.E. gegen Chile, 2:1 gegen Kolumbien), verlor dabei den einzigen echten Hoffnungsträger Neymar nach einem üblen Sprung ins Kreuz von Juan Zuniga (Wirbelbruch) und bekam beim legendären 1:7 gegen den späteren Weltmeister Deutschland im Halbfinale, dem "Schock von Mineirão", das Fett weg.

Neymar

Von links oben gegen den Uhrzeigersinn: Neymar erleidet Wirbelbruch, Neymar fehlt beim 1:7 gegen Deutschland, Neymar schießt Brasilien zur WM, Neymar kehrt rechtzeitig zurück. imago

Während bereits vor der Partie Nationalspieler bei der Nationalhymne weinten, brannten sich nach der Schmach etliche Bilder beim Fußballvolk ein: trauernde auf den Knien betende Spieler hier, heftig weinende Kinder mit Kulleraugen dort.

Kurzum: Die Brasilianer zerbrachen ohne den verletzten Superstar Neymar und den Gelb-gesperrten Kapitän Thiago Silva unter dem immensen Druck, im eigenen Land Weltmeister werden zu müssen. "Wir wollten unserem Volk, dem es nicht gut geht, eine Freude bereiten. Das haben wir nicht geschafft", stammelte ein David Luiz damals. Vor dem Spiel hatte er bei der voller Inbrunst gesungenen Hymne noch das Trikot des verletzten Neymar hochgehalten. Der brasilianische Fußball war an diesem Tag gefühlt unten angekommen.

Phoenix aus der Asche

Seither aber ging ein bemerkenswerter Ruck durchs Team. Das damals "historische Debakel", die "Tragödie", das "Massaker" oder die "Demütigung" sind - obwohl es natürlich unvergessen bleiben wird - passé. Und das aus gutem Grund: Die ersten zehn Partien nach der WM, die allesamt Freundschaftsspiele waren, gewann Brasilien - darunter auch ein 2:0 gegen Argentinien beim "Superclássico das Américas". Das Olympia-Finale 2014 gegen eine deutsche Nachwuchself gewann eine brasilianische Nachwuchszehn plus Neymar im Elfmeterschießen. Und nach Gastgeber Russland hat sich Tites Team als erste Nation für das WM-Turnier qualifiziert: 18 Spiele, zwölf Siege, fünf Remis bei nur einer Niederlage. Am Ende führten die Kanarienvögel das südamerikanische Tableau mit souveränen zehn Punkten Vorsprung vor Verfolger und Landesnachbar Uruguay an.

Lobeshymnen wurden seither von der Konkurrenz gesungen - unter anderem nach jüngsten Erfolgen wie einem 3:0 gegen Österreich , einem 2:0 gegen Kroatien oder der 1:0-Revanche im Testspiel gegen Deutschland . "Ich finde Brasilien zwei Klassen besser als 2014", sagt zum Beispiel Weltmeister Toni Kroos. "Entscheidend verbessert" und mit einer "neuen Mentalität" ausgestattet schätzt auch Bundestrainer Joachim Löw Brasilien inzwischen ein. "It's time for Brasil now", findet Brasiliens Legende Ronaldo.

kicker.tv Hintergrund

Tite: "Weiß nicht, wo Neymars Grenzen sind"

alle Videos in der Übersicht

Auch im Team selbst ist die Hoffnung zurückgekehrt. Ein Blick auf den Kader zeigt warum: Freilich steht der rechtzeitig fit werdende Neymar über allen. Doch hinter dem Feingeist reiht sich ein Kader auf, der in der Breite und in der Spitze seinesgleichen sucht: Roberto Firmino (Liverpool), Gabriel Jesus (Manchester City) oder die beiden Top-Joker Douglas Costa (Juventus Turin) wie Taison (Schachtar Donezk) werden Neymar im Angriff helfen, im Mittelfeld tummeln sich vielversprechende Techniker wie Philippe Coutinho, Paulinho (beide FC Barcelona) oder Fernandinho (ManCity). Sie alle sprühen zusammen nur so vor Spielfreude und Ideenreichtum. Und die Abwehr ist bestückt mit Top-Männern wie Marcelo von Champions-League-Sieger Real Madrid, Filipe Luis von Europa-League-Sieger Atletico Madrid, Miranda (Inter Mailand) oder Thiago Silva (Paris Saint-Germain). Sie halten den Laden dicht und bauen mit auf.

"Der Messi der Torhüter"

Ach ja: Außerdem wäre da noch ein gewisser Alisson Becker, für viele der derzeit beste Torwart der Welt und immer wieder im Gespräch bei Top-Klubs wie Real Madrid oder Liverpool. In Italien bei der Roma wehrte der Schlussmann mit deutschen Wurzeln von 117 Schüssen ganze 94 ab, spielte 17-mal zu Null und führte die Giallorossi mit ins Halbfinale der Königsklasse.

Alisson Becker

Alisson Becker: Der aktuell beste Torhüter? imago

Das alles gelingt dem 1,93-Mann mit Reflexen der Extraklasse, mit geistesgegenwärtigen Aktionen oder seiner enormen Ruhe. Auch außerhalb des Strafraums zeigt sich der Brasilianer immer wieder gern, schnappt anrauschenden Stürmern flugs den Ball weg und ist auch um den ein oder anderen Trick nicht verlegen. Das spülte ihn schnell in die Nationalmannschaft und ließ ihn zackig zur unumstrittenen Nummer 1 des Landes aufsteigen. Italiens Medien zitierten diesbezüglich während der Saison den früheren Roma-Torwarttrainer Roberto Negrisolo mit: "Alisson kann mit seinem Talent eine Ära begründen. Er ist für mich der Messi der Torhüter."

Da geht was

Vorne Neymar, dazwischen ein breites Team und hinten Alisson Becker - klingt nach Weltmeister-Material. Was darüber hinaus für die Mannschaft spricht, ist die neue befreite Art. Ein Beweis dafür: Brasiliens Offensiv-Star Philippe Coutinho hat von seinen Mitspielern ein kurioses Geburtstagsgeschenk erhalten. Anlässlich des 26. Geburtstags von Coutinho überfielen ihn seine Mannschaftskollegen beim Training in Sotschi kurzerhand, bewarfen ihn mit Eiern und überschütteten ihn mit Mehl. Der Barça-Profi ergab sich übertölpelt dem Komplott seiner Mitspieler. Der Streich war offensichtlich von Superstar Neymar angezettelt worden. Jener leistete sich zunächst eine kurze Verfolgungsjagd mit Coutinho, ehe es ihn selbst erwischte und er sich das Eigelb aus der Lockenpracht waschen musste. Die Stimmung beim Rekordweltmeister, der am 17. Juni (20 Uhr) sein erstes WM-Spiel gegen die Schweiz in Rostow am Don bestreitet und anschließend in Gruppe E noch auf Costa Rica und Serbien trifft, könnte momentan besser nicht sein.

Euphorie-Auslöser "Hexacampeão"?

Im Land dagegen ist das Interesse an der Weltmeisterschaft 2018 (noch) nicht allzu groß: 53 Prozent der Einheimischen interessieren sich nicht für die WM, wie es einer veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Datafolha" zu entnehmen ist. Nur 18 Prozent der Befragten gaben an, sich sehr für die Weltmeisterschaft zu interessieren.

Neymar

Soll Brasilien zum Titel tragen: Superstar Neymar, der teuerste Fußballer aller Zeiten. imago

Der Grund: Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas steckt derzeit in einer Depression. Eine ganze Reihe von Korruptionsskandalen, Streiks und eine beispiellose Gewaltwelle drücken in dem eigentlich fußballverrückten Land auf die Stimmung. Sollte die Nationalmannschaft um Superstar Neymar allerdings stark ins Turnier starten, könnte das Interesse schnell und stark zunehmen.

Sicher ist eines: Sollte Brasilien den Vorschusslorbeeren gerecht werden, ist in Russland der Titel drin. Dann darf sich die Seleçao endlich "Hexacampeão", sechsmaliger Weltmeister", nennen. Es wäre Balsam für die gesamte brasilianische Seele - und würde dem gesamten Land wie dem Team neuen Enthusiasmus für die Zukunft spendieren; "Joga Bonito" eben. Einen neuen Spot mit den aktuellen Stars gibt es bereits...

mag

Underdogs und Topfavoriten: Die WM-Teams im Check