Zum Abschied von Arsene Wenger beim FC Arsenal

Ein Visionär, dem die Visionen ausgingen

Arsene Wenger

Früher hechelte der Fußball Arsene Wengers Arsenal hinterher, in den letzten Jahren war es umgekehrt. picture alliance

Die letzten drei Buchstaben nahmen locker ein Drittel der Zeitungsseite ein: "ARSENE WHO?", titelte ein englisches Boulevardblatt im Herbst 1996 und fasste damit die Frage prägnant zusammen, die sich viele Arsenal-Fans damals entsetzt stellten: Wer, bitteschön, soll denn dieser merkwürdige Franzose sein, der soeben noch zwei Jahre lang in der japanischen J-League gearbeitet hat? Doch nicht etwa unser neuer Trainer?

Und so kam es ja auch nicht: Dieser Arsene Wenger wurde nicht einfach nur der neue Trainer des FC Arsenal, er wurde ihr erfolgreichster, ihr längster, ihr wichtigster. "Einer der Größten im Fußball", wie Arsenal am Freitag ohne Übertreibung schrieb, als Wenger seinen vorzeitigen Abschied im Sommer nach dann 22 Jahren ankündigte .

Eine Mannschaft, in der, wie man damals gerade erfuhr, beängstigend viel getrunken, die mit "boring, boring Arsenal!"-Sprechchören verhöhnt wurde, transformierte er nach und nach zu einem Ideal für ganz Fußball-Europa. Er trieb ihr den Hang zum Kick-and-Rush aus, etablierte hochmoderne Trainingsplätze, richtete bei Transfers - unerhört! - den Blick ins Ausland. Wengers Methoden waren nahezu revolutionär, er war ein Laptop-Trainer, als Laptops gerade farbige Bildschirme bekommen hatten.

Arsenal bot ein Spektakel, wie es England noch nicht kannte

Die Mannschaft, die 1998 das Double holte, bezeichnet Manchester Uniteds Legende Gary Neville heute als beste, gegen die er je gespielt hat - dabei begegnete er auch den "Invincibles", die 2004 ohne Niederlage Meister wurden, den Henrys, Pires und Ljungbergs, die 2006 bis ins Champions-League-Finale vordrangen und die Wenger erst überraschend verpflichtet und dann auf ein neues Level gehoben hatte. Arsenal bot ein Kurzpass-Spektakel, wie man es von einer englischen Mannschaft noch nicht gesehen hatte; und Wenger war der Dirigent dieses atemberaubenden Orchesters, dessen Werk Jürgen Klopp mal als "leisen Song" verniedlicht hatte.

Am Freitag würdigte Liverpools Trainer Wenger als "die dominierende Figur von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre", ein Vorbild in so vieler Hinsicht: Unter dem integren Charismatiker aus dem Elsass, über den in zwei Jahrzehnten nie ein Arsenal-Spieler ein schlechtes Wort verloren hat, stieg Arsenal zur Weltmarke auf - mit neuer Multifunktionalarena, mit Umsatzrekord auf Umsatzrekord, mit Bewunderern auf dem ganzen Planeten.

Wenger hat sich auch weiterentwickelt, doch der Fußball war schneller

Es ist genau diese Entwicklung, die ihm irgendwann zum Verhängnis wurde. Der Fußball wurde Business, Oligarchen und andere Investoren fluteten den englischen Markt; erst langsam, dann immer schneller zog die Konkurrenz auf und neben dem Platz an Arsenal vorbei, dessen Führung sich auch ohne Titelrennen genügsam mit der steten Champions-League-Qualifikation arrangierte und Wenger dafür sein Ding machen ließ - es hatte ja jahrelang wunderbar funktioniert.

Arsene Wenger mit Thierry Henry

Sein Transfer wurde 1999 belächelt - dann schoss Thierry Henry 175 Ligatore unter Arsene Wenger. picture alliance

Es ist nun nicht so, dass sich Wenger nicht auch weiterentwickelt hätte, doch der Fußball war einfach schneller. Hatte der früher Wengers Arsenal hinterhergehechelt, ist es seit Jahren umgekehrt. Talente, die er einst vor allen anderen entdeckte, kennt heute jede Scoutingabteilung. Wie Arsenals Fußball beizukommen ist, weiß die Konkurrenz längst, sie hat eigene, neue Konzepte etabliert und das nötige Geld dafür. Das Trainerleben ist "zu 100 Prozent anders als vor 20 Jahren", sagt Klopp. "Es gibt keine Zeit mehr für irgendwas. Jeder will Ergebnisse, sofort."

Warum ergriff Arsenal erst so spät die nötigen Maßnahmen?

Weil er die Champions-League-Millionen zu garantieren schien, hat Wenger genau diese Zeit auch dann noch bekommen, als große Trainer-Ären nur noch wackere Ausnahmen waren - und die Erfolge ausblieben. Zwischen 2005 und 2014 gewannen die Gunners keinen einzigen Titel, zwischen 2010 und 2017 schieden sie sieben Mal in Folge im CL-Achtelfinale aus . Zuletzt hieß die Realität Europa League und zwei Punkte Vorsprung auf den FC Burnley .

Heute kann man sagen: Wenger, dessen Sturheit legendär ist, mag den Zeitpunkt für seinen Rücktritt verpasst haben (ob er ihn jetzt wirklich selbst wählte, bleibt unklar), Arsenal vor allem aber den, rechtzeitig einzugreifen. Warum leiteten Mehrheitseigner Stan Kroenke & Co. die umfassenden Umbaumaßnahmen, die seit einigen Monaten für "die Zeit danach" laufen , erst so spät ein? Warum tat sich der einstige Visionär so schwer mit neuen Visionen? Ob Transfers, Teamzusammenstellung oder Taktik - Wenger hat ganz offensichtlich "sein Händchen verloren", wie der "Guardian" schreibt. Obwohl die Krisen tiefer, die Widerworte lauter wurden, war er nicht bereit, seine Überzeugungen radikal zu überdenken; nur an kleinen Stellen passte er sie unwillig den neuen Realitäten an.

Bei Wengers Antritt war Werner ein Baby - der HSV hatte seitdem 23 Trainer

Als Wenger am 1. Oktober 1996 übernahm, waren Leroy Sané oder Timo Werner Säuglinge, Uerdingen war gerade aus der Bundesliga abgestiegen. Dass der moderne Fußball eine solche Amtszeit wohl nie wieder zu bieten haben wird, ist eine traurige Gewissheit, der HSV hatte in der Zwischenzeit 23 Trainer. Doch eine Pointe ist ja noch drin: In seinem letzten Arsenal-Pflichtspiel könnte Wenger die Europa League gewinnen, für die er in 22 Jahren nichts übrig hatte. Es wäre der erste Europapokaltitel seiner Karriere.

Jörn Petersen

Arsene Wenger - das Gesicht des FC Arsenal