DER kicker.tv TALK - Folge 22: Streit um den Videobeweis

"Das ist fatal, das ist zu viel": Fehler beim Videobeweis

DER kicker.tv TALK - Folge 22

Der Videobeweis und seine Kritiker: Auch in der 22. Folge von DER kicker.tv TALK kam das Thema auf - und wurde heiß diskutiert. kicker/Eurosport

"Schiedsrichter müssen professionalisiert werden"

Obwohl der Videobeweis am abgelaufenen 23. Bundesliga-Spieltag häufig zur richtigen Entscheidung führte, sorgten doch zahlreiche Szenen für Unmut - besonders beim 1. FC Köln, der sich beim Thema Abseits ein wenig betrogen fühlte. Wird ab und an mit zweierlei Maß gemessen?

Dieser Frage stellten sich während der 22. Folge von DER kicker.tv TALK die Experten. Dazu begrüßte Moderator Marco Hagemann eine illustre Runde um den ehemaligen Trainer Huub Stevens ( u.a. Schalke ), den Augsburger Torhüter Andreas Luthe, Ex-Profi wie Manager Thomas Eichin und kicker-Redakteur Thomas Hiete.

Auch Urs Meier, früherer Schiedsrichter auf Weltklasse-Niveau, stellte sich - und nahm teils kein Blatt vor den Mund: "Ich habe beim Start des Videobeweises geglaubt, dass es nicht so viele Probleme geben wird wie es sie letztlich gegeben hat. Ich wusste aber, dass es schwierig wird - vor allem, weil klare Richtlinien gefehlt haben: Schiedsrichter haben in der Hinrunde immer wieder anders agiert - und laufen dem Prozedere hinterher. Da ist man wieder schnell bei dem Punkt, was in Deutschland passieren muss: Schiedsrichter müssen künftig professionalisiert werden. Sie sollen das Spiel leiten und handeln."

"Diese Statistik kann man nicht schönreden"

Doch genau hier liegt der Kern der Sache offen: Oftmals tat sich bislang der Eindruck auf, dass Schiedsrichter nicht genau wissen, was sie wie tun sollen. Assistenten derweil sollen eigentlich enge Abseitsentscheidungen mit direkt folgendem Torschuss erst einmal weiterlaufen lassen - taten dies aber nicht (Stichwort: Köln).

"Wenn Fehler passieren, dann verliert der Videoschiedsrichter an Glaubwürdigkeit", meint kicker-Reporter Thomas Hiete. "So ist das eben. Wir machen den Videobeweis mit der besten Technik - und haben keine kalibrierten Linien. Das kann es doch so in der Form nicht geben. So macht das im Grunde keinen Sinn." Vor allem nicht, wenn es nach Ex-Referee Meier geht, der die hohe Anzahl an bislang passierten Fehlern bemängelt: "Viele Entscheidungen sind bisher falsch getroffen worden. So waren in der Hinrunde 22 Prozent der Entscheidungen falsch - und diese Statistik kann man nicht schönreden. Das ist fatal, das ist zu viel."

Videoschiedsrichter "gehören nicht in ein stilles Kämmerchen"

Thomas Eichin

Zu Gast bei DER kicker.tv TALK: Thomas Eichin. kicker/Eurosport

Änderungsbedarf herrscht also, wenn es nach der Expertenrunde geht. Da wird auch der Standort des Videoschiedsrichters, der während der Bundesliga-Spiele stets in Köln das Überwachungszentrum einnimmt, in Frage gestellt. "Du bist als Videoschiedsrichter nicht im Stadion, du spürst die Stimmung nicht, du bist nicht voll drin", weiß Meier. "Du musst aber innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen. Das ist ungemein schwierig. Vor allem, wenn man nicht im Stadion ist und den Fußball nicht spürst. Sie gehören deshalb nicht in ein stilles Kämmerchen, sondern ins Stadion."

Obendrein soll der gesamte Apparat künftig für mehr Klarheit für alle Beteiligten sorgen - für die Spieler, für die Trainer und für die Fans im Stadion oder an den Bildschirmen. "Grundsätzlich sind wir Spieler für den Videobeweis", gibt FCA-Torwart Luthe offen zu. "Er macht den Sport fairer. Doch die Transparenz ist nicht vorhanden - und das geht nicht. Wer den US-Sport verfolgt, der weiß, dass das dort anders geregelt wird. Dort teilt zum Beispiel im Football der Schiedsrichter auf dem Feld den Spielern und den Fans mit, was entschieden wird. Das sollte im Fußball ähnlich gemacht werden."

WM in Russland mit Videobeweis? "Es wird Probleme geben"

Eichin, ehemaliger Manager bei Werder Bremen und 1860 München, wendet dahingehend ein: "Auch in der NFL hat es lange Zeit gedauert, bis man dort war, wo man jetzt ist. Wir gehen deswegen meiner Meinung nach viel zu kritisch mit dem Videobeweis um. Das ist ein Prozess, der sich entwickeln muss. Trotzdem hat der Videobeweis schon jetzt zu vielen richtigen Entscheidungen gesorgt." Man müsse dem ganzen System einfach weiterhin Zeit geben, sich zu verbessern und sich immer weiter zu entwickeln.

Doch das kollidiert laut Stevens mit der Bundesliga - denn dort gehe es schließlich um sehr viel Geld. Und so könne eine Plattform wie diese nicht für Testzwecke herhalten - ebenso wenig wie das von der FIFA angedachte Vorhaben, den Videobeweis auch bei der kommenden WM in Russland anzuwenden: "Das sollte man im Jugendbereich testen. Doch das tun sie nicht. Im Gegenteil: Sie wollen den Videobeweis nun auch noch bei der WM anwenden, obwohl es ihn in vielen Ländern im nationalen Fußball gar nicht gibt." Dahingehend gibt Ex-Referee Meier dem früheren Coach Recht: "In vielen Ländern gibt es Probleme mit dem Videobeweis - also wird es auch bei der WM, wenn es denn tatsächlich soweit kommt, Probleme geben."

mag

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