Wechselt Aubameyang zu einem Spitzenklub?

Die Auserzählten: Wie Arsenal um Anschluss ringt

Pierre-Emerick Aubameyang, Arsene Wenger und Henrikh Mkhitaryan (v.l.)

Großumbau: Henrikh Mkhitaryan (r.) ist da, Pierre-Emerick Aubameyang (l.) soll kommen - und Arsene Wenger? picture alliance (3)

Die Augen des Mannes, von dem man sagt, er interessiere sich neben Fußball vor allem für Fußball, können immer noch leuchten. Am Samstag zum Beispiel: 3:0 nach 13 Minuten gegen Crystal Palace, darunter ein Mesut-Özil-Assist zum Verlieben . Genau das meint Arsene Wenger, wenn er sagt: "Ich glaube fest daran, dass ein großer Klub danach streben muss, mit Stil zu gewinnen."

Das erste Problem: Das Zitat ist über sieben Jahre alt, Siege mit Stil sind seltener geworden. Das zweite: Ist Arsenal das gerade überhaupt noch - ein großer, ein Spitzenklub?

Spielersteckbrief A. Sanchez
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5
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6
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Tabelle Premier League

"Das Beste: Ich konnte nichts davon sehen", sagte der blinde Arsenal-Fan

13-mal war Arsenal Meister, doch es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren: Aus dem Mitspielen um die Meisterschaft wurde ein Kampf um Platz vier, aus unglücklichem Scheitern in der Champions League ein krachendes , aus Champions wurde Europa League. Der 4:1-Sieg gegen Palace am Samstag verkürzte den Rückstand gegenüber Platz fünf in der Premier League auf drei Punkte; und im FA Cup, Bilanzretter 2014, 2016 und 2017, blamierte sich Wengers B-Elf in der dritten Runde bei Underdog Nottingham (2:4) derart, dass hinterher ein Video die Runde machte, in dem ein blinder Gunners-Fan sagt: "Das Beste heute ist, dass ich nichts davon sehen konnte." Kurz gesagt: Arsenal kämpft dagegen, den Anschluss zu verlieren.

Mit Alexis Sanchez geht der vorletzte Spieler, der Weltklasse verkörpert, mit Mesut Özil im Sommer wohl der letzte, ablösefrei. Auch Jack Wilshere, der vielleicht spielstärkste Engländer seiner Generation, steht nur noch bis Juni unter Vertrag. Wo einst Patrick Vieira abräumte und Thierry Henry schlenzte, mühen sich heute Granit Xhaka oder Alexandre Lacazette. Sogar Torwart-Ruhepol Petr Cech hat seine Souveränität eingebüßt. Ist das vielleicht einfach wirklich gerade die sechstbeste Mannschaft der Premier League, ein Europa-League-Anwärter?

Vielleicht, nur vielleicht ist er frustriert, weil Arsenal frustrierend ist. Vielleicht ist er ernüchtert, bei Arsenal zu sein, weil es ernüchternd ist, bei Arsenal zu sein.

Der "Guardian" über Alexis Sanchez

Während bei Bayern oder Real Madrid, ja selbst beim 1. FC Köln höchstens personelle Ergänzungen vorgenommen werden, ist bei Arsenal soeben ein Transfer-Tohuwabohu ausgebrochen . Mit Theo Walcott und Francis Coquelin ging ein sportlich womöglich verzichtbares Duo, das Jack Wilshere am Wochenende aber unumwunden als sehr wichtig im Mannschaftsgefüge bezeichnet hat. Für Sanchez und voraussichtlich Olivier Giroud kommen Henrikh Mkhitaryan und voraussichtlich Pierre-Emerick Aubameyang , man könnte sagen: einer, der manchmal zu viel, und einer, der manchmal zu wenig nachdenkt. Ob gerade sie Arsenal die eklatante Inkonstanz austreiben, die Debatte um fehlenden Kampfgeist beenden?

In jedem Fall ist die Geschäftigkeit in der winterlichen Wechselperiode Zeichen einer abermals verfehlten sommerlichen. Der so dringend benötigte Mittelfeld-Stabilisator kam da wieder nicht. Und Sanchez' Verkauf an Manchester City war bereits abgemacht, als der geplante 100-Millionen-Euro Nachfolger Thomas Lemar am "Deadline Day" plötzlich doch lieber in Monaco bleiben wollte. Sanchez' Leistungsniveau nahm daraufhin ab, die internen Konflikte zu . "Vielleicht, nur vielleicht", kommentierte der "Guardian", "ist er frustriert, weil Arsenal frustrierend ist. Vielleicht ist er ernüchtert, bei Arsenal zu sein, weil es ernüchternd ist, bei Arsenal zu sein."

Wenger hat noch Unterstützer - intern hat die Trennung aber begonnen

Nun ist Arsenal immer noch Sechster unter den umsatzstärksten Klubs Europas, 480 Millionen Euro 2016/17 haben Weltklasse-Format und sind nicht zuletzt Wengers Werk. Und vielleicht ist die aktuelle Phase ja nur ein zwar penetrantes, aber vorübergehendes Tief. Doch wenn Wenger dauerhaft die Champions League verpasst (während die Eintrittspreise nirgends in der Premier League teurer sind), wird es irgendwann gefährlich, als erstes für ihn. Unterstützer hat er, angefangen mit Mehrheitsaktionär Stan Kroenke, auch in seinem 22. Amtsjahr immer noch genug; dass er Ende Mai doch noch einmal um zwei Jahre verlängerte, missfiel längst nicht allen Fans. Doch seitdem ist es ja nicht besser geworden. Und im Hintergrund hat die Trennung ohnehin längst begonnen.

Mesut Özil

Der letzte Weltklasse-Spieler bei Arsenal? Mesut Özil, zuletzt wieder in guter Form. imago

Mit den größten internen Umbaumaßnahmen seit dessen Ankunft 1996 bereitet sich Arsenal gerade auf die Zeit nach Wenger vor. Im Sommer verstärkten die Ex-Keeper Jens Lehmann und Sal Bibbo das Trainerteam, mit dem Dortmunder Sven Mislintat kam ein neuer Chefscout, mit Darren Burgess ein "High Performance Director", mit Huss Fahmy vom Radsportteam "Sky" ein Vertragsverhandlungsführer, der in Dortmund gemeinsam mit CEO Ivan Gazidis wegen Aubameyang vorstellig wurde. Zum 1. Februar nimmt Raul Sanllehi, der frühere Sportdirektor des FC Barcelona, seinen Dienst als Kaderplaner auf, im Sommer wird Per Mertesacker Manager der Nachwuchsakademie. Wenn Wenger geht, soll das Loch, das er hinterlässt, kein Krater sein.

"Sportdirektoren? Ich weiß gar nicht, was das eigentlich sein soll"

Offiziell begrüßt der Trainer die neue, flächendeckende, ihm zufolge "ungewöhnliche" Unterstützung, obwohl sie seine Kompetenzen einschränkt. Inoffiziell wird gemunkelt, dass Sanllehi deswegen nicht "Sportdirektor" heißt, weil Wenger nichts von Sportdirektoren hält. "Ich weiß gar nicht, was das eigentlich sein soll", erklärte er noch im Mai. Und über Mislintat sagte er unlängst: "Wir kannten jeden einzelnen Spieler in Europa schon, bevor Sven kam."

Kurzfristig bleibt die Hoffnung, sich via Europa-League-Titel für die Champions League zu qualifizieren - Mkhitaryan wies vorige Saison Manchester United diesen Weg (Aubameyang wäre nicht spielberechtigt). Dennoch ist sie jetzt erreicht: die Phase, in der es darum geht, den ganzen Klub auf ein neues Zeitalter vorzubereiten, inmitten der gegenwärtigen Unordnung einen geordneten Übergang zu schaffen, bevor er sportlich weiter abgehängt wird.

Womit lockt Arsenal noch? Ist die Geschichte schon beim Nachwort?

Liverpool wird gerade zum Klopp-Klub, Mauricio Pochettino zeigt bei den Spurs, wie er Spieler entwickeln kann, Chelsea, ManUnited und ManCity locken mit der Champions League, notfalls mit Geldscheinen. Womit lockt Arsenal noch? Wengers Geschichte, die des schönen und erfolgreichen Spiels, wirkt jedenfalls auserzählt, nach zuletzt vielen ermüdenden Seiten ist vielleicht sogar schon das Nachwort dieses einst so furiosen Wälzers dran.

Aber Wenger, so viel ist klar, denkt nicht daran, ihn zuzuklappen und selbst abzudanken. Andere mögen Sabbaticals brauchen, er weiß wohl auch da nicht so recht, was das eigentlich sein soll: Er verspürt keine Müdigkeit, seine Augen leuchten immer noch.

Dass "Arsene" und "Arsenal" sich sogar wörtlich fast decken, sagte er mal dem "Independent", könne man gerne Zufall nennen. "Ich glaube lieber an Schicksal."

Jörn Petersen