DER kicker.tv TALK - Folge 4

Rettig über Kind: "Er macht es sich zu einfach"

Hannover 96 und 50+1: DER kicker.tv TALK.

Hannover 96 und 50+1: DER kicker.tv TALK.

Mit dem Erfolg gegen den HSV im kleinen Nordderby setzte sich Hannover 96 zumindest bis Sonntag an die Tabellenspitze. Drei Siege und ein Unentschieden, zehn von zwölf möglichen Punkten. Martin Bader, der selbst von Oktober 2015 bis März 2017 als Geschäftsführer Sport bei den Niedersachsen fungierte, fand das "herrlich". Für den 49-Jährigen ist der aktuelle Lauf der 96er "nicht überraschend". Es herrsche ein "guter Spirit in der Mannschaft und die Aufstiegseuphorie wurde mitgenommen". So etwas trage ziemlich weit in die Saison. Bader sagte, er verfolge den Verein auch jetzt noch mit großem Interesse. "Ich kenne die meisten noch und bin Nachbar von Harnik", so der Fußballfunktionär. Zur Feier des Sieges und des Tores des Österreichers werde er "mit ihm ein Bier trinken".

Zu früh für Euphorie - und Pessimismus

Der Erfolg der Hannoveraner war ein verdienter, in diesem Punkt waren sich die Talk-Teilnehmer einig. Golz, der sowohl für den HSV als auch 96 als Torhüter spielte, sieht die Niedersachsen ohnehin nicht als Aufsteiger, sondern als etablierten Verein, der nicht richtig wahrgenommen wird. Das Team jetzt sei eine "ordentliche Mannschaft", die über Selbstvertrauen und Mut verfüge. kicker-Chefredaktionsmitglied Jakob aber sagt: "Als Aufsteiger geht es für Hannover gegen den Abstieg, aber über die Punkte können sie sich freuen." Für eine Euphorie sei es seiner Ansicht nach "noch zu früh".

Genauso wenig sollten die Hamburger nach der zweiten Niederlage in Folge schlechtgeredet werden, meinte Rettig. Der HSV sollte sich "an den Punkten orientieren". Sechs Punkte seien "in dem Bereich, den man erwarten durfte". Und auch Golz stimmte ihm bei: "In diesem Moment schon Panik aufkommen zu lassen, ist verfrüht. Man muss die Sache mal ein wenig ruhiger angehen."

Wem gehört der Fußball?

Anschließend ging es in der Diskussion zum Hauptthema über. Bei Hannover 96 könnte in Kürze die 50+1-Regel wegfallen, da Martin Kind sich seit 20 Jahren finanziell bei den Niedersachsen engagiert. Das gefällt einigen Fan, anderen überhaupt nicht. Mit zu viel Macht könne der Unternehmer dem Verein schaden, so die Sichtweise der Gegner.

Martin Bader war vor nicht allzu langer Zeit ganz nah dran am Geschehen und weiß: "Jeder ist harmoniebedürftig. Wenn einige dagegen sind, dann kannst du nicht erfolgreich sein. Die Fanunterstützung ist mit das Wichtigste für einen Verein." Es sei nicht schwer, "wenn du Fans das Gefühl gibst, dass du sie mitnimmst. Das wurde verschlafen."

Sehr kritisch sieht St. Paulis Geschäftsleiter Rettig die Situation in Hannover und allgemein, was den möglichen Wegfall von 50+1 angeht. "Der Fußball gehört den Mitgliedern und den Fans", so Rettig, der beklagt, dass sich das nun verschiebe. "Ich schätze Kind als Unternehmer, aber er macht es sich zu einfach", so der 54-Jährige. "Ein Fußballklub ist etwas anderes als ein Wirtschaftsunternehmen. 50+1 ist eine sportpolitische Frage."

Jakob verwies darauf, dass der Klub 1997 vor den Insolvenz stand und Kinds Einstieg dem Verein viel geholfen habe. Zudem beanspruche Kind nur "ein Recht für sich, das es schon für andere Vereine gibt". Rettig aber widerspricht: "Bei Hopp war die 20-jährige Unterstützungsaktivität da", bei Kind wisse man nicht genau, wie er sich eingebracht habe, da das nicht überprüfbar sei. Es entwickelte sich eine hitzige Debatte über das Für und Wider eines Wegfalls von 50+1.

Rettig: "Wir müssen abwägen"

Andreas Rettig

Kritisch gegenüber Investoren: Andreas Rettig.

Rettig verweist darauf, dass sich kaum jemand für ein Ehrenamt engagieren werde, wenn der Verein nicht mehr den Mitgliedern, sondern Investoren gehöre und dies die Gemeinnützigkeit gefährde. "Wir haben abzuwägen zwischen der Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und der gesellschaftlichen Verantwortung." Dass Erfolg nur durch private Investoren möglich sei, widerlegt er mit den Beispielen FC Bayern und FC Barcelona: "Die erfolgreichsten Vereine sind e.V.s."

Jakob hingegen ist sich sicher, dass 50+1 früher oder später fallen wird. Man müsse diesen Schritt gehen, dabei aber die Fehler vermeiden, die in England, Italien etc. gemacht wurden. Bader betonte, dass die Fans besser informiert werden sollten: "Wir müssen den Leuten die Sorge nehmen, dass der Fußball dadurch sterben würde."

In England wurden viele Fehler gemacht, wodurch der Fußball nicht nur teurer wurde, sondern auch die Fankultur gelitten hat, weiß Jakob, der die Entwicklung in England eng verfolgt. Allerdings sei bereits ein Gegentrend zu erkennen, wie z.B. günstigere Tickets bei vereinzelten Vereinen.

Golz ist sich sicher, dass sich nicht viel verändern würde. "Spieler werden nicht besser, nur weil sie teurer werden", so der ehemalige Keeper. "Ich denke, dass wir durch Qualität und nicht Geld überzeugen. Sportlicher Erfolg hängt nicht nur von Geld ab, sondern auch von sportlichen Entscheidungen."

kid

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