kicker.tv - Der Talk, Folge 35

Jugendfußball in Deutschland? "Das System ist krank"

kicker.tv - Der Talk, Folge 35

Die Gäste in der 35. Sendung von "kicker.tv - Der Talk": kicker-Redakteur Benni Hofmann, Meikel Schönweitz, Maurizio Gaudino und Volker Finke. imago

Johannes Bender steht jeden Morgen um 6.30 Uhr auf, eine Stunde später beginnt die Schule. Nach dem Unterricht geht der U-19-Kapitän der TSG Hoffenheim ins Internat zum Mittagessen mit den Teamkollegen. Danach hat er Zeit für sich, ehe das Training und das Abendessen anstehen. Sein Tag ist getaktet, allzu viel Freiraum bleibt nicht.

"Es fehlt die Zeit für Alltagserfahrungen, die kannst du in einem Nachwuchsleistungszentrum nicht haben", moniert kicker-Redakteur Benni Hofmann. Er findet: "Es wird zur Stromlinienförmigkeit erzogen." Volker Finke, langjähriger Trainer des SC Freiburg, gibt zu bedenken: "Wir können keine Spieler produzieren. Sie entwickeln sich, nicht wir entwickeln sie." Ex-Profi Maurizio Gaudino meint: "Bis ich Profi geworden bin, hatte ich zweimal die Woche Training. Die andere Zeit habe ich mit dem Ball auf der Straße verbracht. Das fehlt der Jugend heute." Und Hofmann glaubt, Fußball im Nachwuchsleistungszentrum sei Arbeit, auf der Straße indes Spaß.

Schönweitz: "Ein hoher Erfolgsdruck"

Aber ist das System tatsächlich so schlecht? Andere Länder beneiden Deutschland schließlich für die Strukturen im Jugendfußball – dass sich die Nachwuchsspieler Woche für Woche auf höchstem Niveau messen können. "Dadurch entsteht aber ein hoher Erfolgsdruck", meint Meikel Schönweitz. Der U-18-Nationalcoach des DFB findet: "Das System ist gut, muss aber optimiert werden."

Das belegen auch die Zahlen: Pro Jahrgang spielen rund 150.000 Kinder Fußball, 4000 schaffen es zu den Stützpunkten, 800 in ein Nachwuchsleistungszentrum und nur der Bruchteil von 25 in die Bundesliga. Was passiert mit dem Rest? Nicht wenige halten sich für gescheitert und fallen in ein Loch. Doch Finke meint: "Man kann sehr positiv damit umgehen, weil man zeigen kann, dass es einen zweiten Bildungsweg gibt." Schließlich könnten Spätentwickler immer noch den Sprung in die Bundesliga schaffen.

Dennoch gibt es einige Baustellen im System – etwa die Abwerbeversuche von Bundesligisten, die schon junge Spielern mit hohen Gehältern locken. "Es gibt sehr aggressive Vereine", weiß Finke, wollte aber keine Namen nennen. Ein anderes Problem: die mangelhaften Kompetenzen der Trainer.

Gaudino und das "Haifischbecken"

"Wenn man auf den Platz geht und sich ein U-12- oder U-13-Spiel von einem Nachwuchsleistungszentrum anschaut, die Augen zumacht und nur zuhört, dann geht man davon aus, dass es ein A-Junioren-Bundesliga-Spiel ist oder ein Seniorenspiel von der Art und Wiese, wie es gecoacht wird." Grundsätzlich aber, so Schönweitz weiter, gebe es in Deutschland sehr viele gute Trainer.

Das zeigt sich bei Talenten wie Leverkusens Havertz. Der Youngster hinterließ bislang erstklassige Eindrücke, muss diese nun aber bestätigen. Gaudino sagt: "Jetzt ist er drin im Haifischbecken."

lei

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