kicker.tv - Der Talk: Die Expertenrunde am Montag

Nowotnys Plädoyer für Can und Kohlers "Vollrausch"

Die Expertenrunde im kicker-Talk: Bernd Salamon, Jens Nowotny, Alexis Menuge und Jürgen Kohler.

Die Expertenrunde im kicker-Talk: Bernd Salamon, Jens Nowotny, Alexis Menuge und Jürgen Kohler.

Für Welt- und Europameister Jürgen Kohler wiegt vor allem der Ausfall von Mario Gomez schwer. "Das wird nicht so einfach zu kompensieren sein. Aber wir haben in der Vergangenheit gezeigt, dass wir auch ohne den klassischen Mittelstürmer spielen können", weiß der kicker-Kolumnist.

EM-Aus für Gomez, Khedira und Hummels fallen aus, vermutlich wird auch Schweinsteiger nicht fit. Joachim Löw ist gezwungen, im Halbfinale gegen die Gastgeber umzustellen. Für Jens Nowotny, EM-Teilnehmer von 2000 und 2004, ist dies sogar eine Chance. Denn: "Durch die vielen Wechsel kann sich Frankreich nicht so gut auf den Gegner einstellen."

Kohler erinnerte sich an die EM 1996, als ebenfalls eine lange Reihe von Verletzten zu beklagen waren: "Da ist man schon erst einmal in Schockstarre. Aber dann sind die anderen in die Bresche gesprungen und am Ende sind wir dann Europameister geworden. So eine Serie von Ausfällen schweißt die Spieler auch zusammen." Für einen Lacher sorgte Kohler bei der Frage nach den 1996 aus Not schon mit den Torhüternamen beflockten Feldspielertrikots: "Das hab ich nicht mitbekommen, da war ich wohl im Vollrausch", sagte er im Hinblick auf seine frühe Heimreise: "Zu Hause gönnt man sich schon den einen oder anderen Rotwein."

Das spricht für Weigl

Kann auf seinen ersten EM-Einsatz hoffen: Julian Weigl.

Kann auf seinen ersten EM-Einsatz hoffen: Julian Weigl. Getty Images

Wer wird bei Deutschland den Mittelfeldpart neben Toni Kroos übernehmen? Die Runde legte sich weitgehend auf Julian Weigl fest. Nur Nowotny setzt ein bisschen auf Emre Can: "Wenn wir davon ausgehen, dass wir mehr Ballbesitz haben, dann wird sicher Weigl neben Kroos spielen. Allerdings wäre Can für mich die bessere Wahl, seine Robustheit würde mir fehlen. Aber wir wissen natürlich alle nicht, wie die Jungs im Training so drauf sind."

Für eine Einschätzung direkt aus dem deutschen Quartier wurde kicker-Chefreporter Karlheinz Wild zugeschaltet. Auch er setzt auf Weigl, denn er könne den defensiveren Part übernehmen. Die Frage nach Schweinsteiger werde sich seiner Einschätzung nach nicht stellen: "Ich glaube nicht, dass ihm am Donnerstag schon ein Spiel über eine volle Spielzeit zuzumuten ist." Sicher ist für ihn, dass Jerome Boateng fit sein wird. Die spannende Frage sei die nach einer Dreier- oder Viererkette. Wahrscheinlich ist aber in jedem Fall ein Einsatz von Benedikt Höwedes, denn der habe "seine Sache gegen Italien gut gemacht", so Wild.

Scholl-Kritik polarisiert

Dreier- oder Viererkette? Genau diese Frage wurde hierzulande auch nach dem Sieg gegen Italien stark diskutiert. Eine Diskussion, die Nowotny nicht nachvollziehen kann, er teilte einen Seitenhieb in Richtung Mehmet Scholl aus: "Wir haben Italien mit der Dreierkette besiegt. Können wir Experten damit nicht auch mal zufrieden sein?" Kohler pflichtete bei: "Im modernen Fußball müssen sich die Spieler taktisch umstellen können. Und wenn wir den Pokal holen, redet eine Woche später keiner mehr darüber." Wild zeigte dagegen Verständnis für Scholls Kritik: Dessen Ansicht sei "völlig in Ordnung". Denn: "Der Fußball ist ein bisschen Showgeschäft, da gehört so etwas auch dazu. Löw hat sehr souverän und fachlich argumentiert. Aber: Wenn wir ausgeschieden wären, wäre richtig was los gewesen."

kicker-Redakteur Bernd Salamon fand die Aufstellung nachvollziehbar und durch den Spielverlauf bestätigt: "Wir haben das Spiel im Griff gehabt, haben 1:0 geführt. Boateng hatte dann einen Aussetzer. So etwas ist keine Frage des Systems." Entscheidender für das verlorene Halbfinale gegen Spanien bei der WM 2010 sei auch nicht das Spielsystem gewesen: "Wir haben 2010 immer mutig gespielt, gegen Spanien dann nicht mehr." Auch in der kicker-Trend-Umfrage fand sich eine knappe Mehrheit für die Richtigkeit der Dreierkette.

Nowotny verrät sein Erfolgsrezept gegen Frankreich

Und wie wird Deutschland nun gegen Frankreich abschneiden? Der französische Journalist Alexis Menuge (L'Equipe) sieht, dass die Hoffnung in seinem Land nach dem klaren 5:2 gegen Island und den Ausfällen im deutschen Team groß sei: "Frankreich hat seit ewigen Zeiten nicht mehr gegen Deutschland gewonnen. Wenn nicht jetzt, wann dann." Allerdings sieht er das französische Team noch nicht konstant und abgeklärt genug und verglich es mit dem deutschen Team vor vier Jahren: "In zwei Jahren können sie dann einen großen Schritt machen. Auch ich glaube, dass Frankreich gegen Deutschland den Kürzeren ziehen wird."

Auch Salamon sieht den psychologischen Vorteil auf deutscher Seite und glaubt an einen Sieg gegen den Gastgeber: "Ein frühes Tor machen, dann ist das Stadion ruhig und dann gewinnst du. Gegen Brasilien hat das vor zwei Jahren ja wunderbar geklappt." Und angesichts der Tatsache, dass Frankreich im Schnitt bei diesem Turnier einen Treffer aus acht Torchancen gemacht hat, empfiehlt Nowotny ein ganz einfaches Rezept: "Einfach nur sieben Chancen zulassen."

sam

kicker.tv - Der Talk - Folge 9

kicker.tv - Der Talk: "Halbfinale bei der EM - Auf in die finale Woche"

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